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Bestattungskultur im Wandel der Zeit

Münchehagens Friedhof bietet neue Möglichkeiten / Verbrennung und anschließende Urnenbestattung wird mehr gewählt

MÜN­CHE­HA­GEN (jan). "­Bei uns wird nie­mand an­onym be­stat­tet", sagt Mün­che­ha­gens Pas­tor Sönke von Stemm beim Rund­gang ü­ber den Fried­hof sei­ner Ge­mein­de. Nicht an­onym, aber nichts­de­sto­trotz viel­fäl­tig sind die Be­stat­tungs­mög­lich­kei­ten auf dem Fried­hof der evan­ge­lisch-lu­the­ri­schen Ge­mein­de. Be­stat­tungs­kul­tur be­fin­det sich im Wan­del und macht sich auch auf christ­li­chen Fried­hö­fen be­merk­bar.

Feu­er­be­stat­tun­gen sind in der An­tike in vie­len Re­li­gio­nen vor­herr­schend ge­we­sen, auch wenn Erd­be­stat­tun­gen die äl­teste be­kannte Be­stat­tungs­art sind. Mit dem Auf­kom­men des Chris­ten­tums wurde von den Feuer- wie­der zu Erd­be­stat­tun­gen ü­ber­ge­gan­gen, denn Chris­ten glau­ben an die leib­li­che Auf­er­ste­hung – was ü­ber einen sehr lan­gen Zeit­raum eine Einä­sche­rung ver­bot. Das hat sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten geän­dert. "Als Kind bin ich mit mei­ner Oma auf dem Fahr­rad zum Fried­hof ge­fah­ren", erzählt eine Mit­fünf­zi­ge­rin. Eine Har­ke, je nach Jah­res­zeit blühende Pflan­zen oder Tan­nen­grün und auch ein Korb mit Saft, Kaf­fee und Ku­chen wa­ren im­mer da­bei. Dann galt es, das Grab zu pfle­gen, auf dem nicht nur der Opa ruh­te, son­dern auch des­sen El­tern und wei­tere Ver­wand­te. Eine Fa­mi­li­en­grab­stätte wurde in­stand­ge­hal­ten - wie alle an­de­ren in dem Dorf, in dem die Frau auf­wuchs, sie auch auf dem Fried­hof hat­ten. Und alle fuh­ren ganz selbst­ver­ständ­lich dort­hin, pfleg­ten und be­pflanz­ten die Grä­ber und hat­ten vor­ge­sorgt für ein klei­nes Pick­nick ne­ben den Grä­bern ih­rer An­gehö­ri­gen. Ganz selbst­ver­ständ­lich war außer­dem, dass je­der, der dort lag, in ei­nem Sarg be­stat­tet wor­den war. So sah die Fried­hofs­kul­tur in Deutsch­land vor rund vier Jahr­zehn­ten aus und nur we­nige Aus­nah­men bestätig­ten diese Re­gel. Die­ses Bild hat sich sehr ge­wan­delt. Feu­er­be­stat­tun­gen sind das Ers­te, was im Lauf die­ser Jahr­zehnte im­mer mehr nach­ge­fragt wur­de. In ei­nem Sarg in der Erde wer­den heut­zu­tage nur noch 45 Pro­zent der To­ten in Deutsch­land be­stat­tet. Für die ü­b­ri­gen 55 Pro­zent tut sich ein wei­tes Feld vie­ler Mög­lich­kei­ten auf. Die größte Aus­wahl bie­tet zwei­fel­los die Ent­schei­dung, den To­ten zu ver­bren­nen und üb­lich ist da­nach die Bei­set­zung in ei­ner Ur­ne. Das ist eine Mög­lich­keit, die auch auf dem Fried­hof in Mün­che­ha­gen mehr und mehr ge­wählt wird. Man­che der Ein­geä­scher­ten wer­den ganz tra­di­tio­nell auf den Fa­mi­li­en­grä­bern bei­ge­setzt. Das ist dort ver­hält­nis­mäßig neu. Ü­ber viele Jahre galt, dass Ur­nen nur auf ei­nem ei­gens dafür vor­ge­se­he­nen Ge­viert be­stat­tet wer­den durf­ten. "­Man­che Ehe­leute muss­ten dann ge­trennt von­ein­an­der lie­gen", sagt Mün­che­ha­gens Pas­tor. Das ist nun nicht mehr so. Und auch die Re­gel, dass in lan­ger Reihe ein Ur­nen­grab nach dem an­de­ren aus­ge­ho­ben wer­den muss­te, ist auf­ge­ho­ben wor­den. Paare kön­nen nun bei­ein­an­der lie­gen, sich Grä­ber ne­ben­ein­an­der re­ser­vie­ren. "Stirbt je­mand, so la­den wir die An­gehö­ri­gen ein, sich den Fried­hof mit uns an­zu­se­hen", sagt von Stemm. Von den vie­len Mög­lich­kei­ten erzählt er, zeigt die Plätze und sagt auch, dass je­der sich den Platz aus­su­chen kann, den er ha­ben möch­te. Von et­li­chen star­ren Zwän­gen ist die Be­stat­tung mitt­ler­weile be­freit. Von Stemm zeigt auf den hin­ters­ten Win­kel des Fried­hofs. Dort habe ein Land­wirt aus dem Ort sich eine Grab­stätte re­ser­viert. Weit ab­seits von al­len be­leg­ten Grab­stel­len ist je­ner Platz, fernab von den an­de­ren Grä­bern wird der Land­wirt ei­nes Ta­ges lie­gen. Er habe das aber so ge­wollt, sagt von Stemm – weil er dann sei­nen Hof im Blick ha­ben kön­ne. Auch das sei eben mög­lich. An­dere wähl­ten Ra­sen­grä­ber, die mit kei­ner Pflege ver­bun­den sind. Ist nie­mand da, der sich um das Grab küm­mern kann, wird diese Va­ri­ante gern ge­wählt. Die Frage der Pflege ü­ber 30 Jahre Lie­ge­zeit ist oh­ne­hin oft ein Grund für diese oder jene Wahl der Grab­stätte und auch vor dem Hin­ter­grund die­ser Frage ist ein klei­nes Feld mit ei­ner nied­ri­gen Sand­stein-Mauer erst vor we­ni­gen Mo­na­ten auf dem Mün­chehä­ger Fried­hof ent­stan­den. Eine Stee­le, eben­falls aus Sand­stein, steht da­vor, an der zwei kleine Pla­ket­ten mit Na­men von Ver­stor­be­nen be­fes­tigt sind. Eine dritte Pla­kette wird bald fol­gen – am Vor­tag erst gab es die dritte Be­er­di­gung auf die­sem Ur­nen­feld. Von oben be­trach­tet hat es die Form ei­nes Fuß­ab­druckes – sym­bo­lisch für die Spu­ren, die Ver­stor­bene hin­ter­las­sen. Die­ses Ur­nen­feld, sagt von Stemm, sei auch eine Al­ter­na­tive zu den Ru­he­fors­ten und Fried­wäl­dern, die an­dern­orts ent­stan­den sei­en: eine Grab­stel­le, die keine Pflege durch An­gehö­rige nach sich zie­he, die aber einen Platz zum Trau­ern biete und – das ist ihm sehr wich­tig – nicht an­onym sei. Je­der, der dort be­er­digt wer­de, be­komme eine Na­mens­pla­kette an der Stee­le. Der Zu­gang zu dem Feld sei außer­dem selbst mit Rol­la­to­ren gut mög­lich. Womög­lich, sin­niert er, hätte das Feld gleich größer an­ge­legt wer­den sol­len. So, wie es jetzt ist, bie­tet es Platz für 20 Ur­nen. Nach­dem nun in­ner­halb der ver­gan­ge­nen sechs Mo­nate schon drei Ur­nen dort­hin ge­kom­men sei­en, werde es ver­mut­lich nicht allzu lange dau­ern, bis eine Er­wei­te­rung not­wen­dig wer­de. Fo­to: jan

vom 01.03.2018 | Ausgabe-Nr. 9A

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