Wunstorfer Stadtanzeiger - Das Mitteilungs- und Anzeigenblatt für die Wunstorfer Region

Sprung

Inhalt

» Wunstorf

"Ehrenamtliche werden immer weniger, sie werden aber dringend gebraucht"

Ein Interview mit dem Gemeindereferenten der katholischen St. Bonifatius-Pfarrgemeinde Winfried Gburek

WUNSTORF (gi). Win­fried Gbu­rek ist am 1. Fe­bruar seit 35 Jah­ren Ge­mein­de­re­fe­rent der ka­tho­li­schen St. Bo­ni­fa­tius-Pfarr­ge­mein­de. Wir ha­ben mit Herrn Gbu­rek ein In­ter­view ge­führt und nach­ge­fragt, was sein An­trieb ge­we­sen ist, die­sen Be­ruf zu er­grei­fen und ob es in der Kir­che in sei­ner lang­jäh­ri­gen Tätig­keit Ver­än­de­run­gen ge­ge­ben hat. Wunstor­fer Stadt­an­zei­ger: Win­fried Gbu­rek: Stadt­an­zei­ger: Gbu­rek: Stadt­an­zei­ger: Gbu­rek: Stadt­an­zei­ger: Gbu­rek: Stadt­an­zei­ger: Gbu­rek: Stadt­an­zei­ger: Gbu­rek: Stadt­an­zei­ger: Gbu­rek: Stadt­an­zei­ger: Gbu­rek: Stadt­an­zei­ger: Gbu­rek:

Als Ge­mein­de­re­fe­rent sind Sie am 1. Fe­bruar seit 35 Jah­ren im Dienst der Diö­zese Hil­des­heim, als Di­plom-Re­li­gi­ons­päd­agoge - "haupt­be­ruf­li­cher Lai­e" - in der Wunstor­fer St. Bo­ni­fa­tius-Pfarr­ge­mein­de. Was hat Sie in die­ser Zeit be­son­ders ge­prägt? Um es bib­lisch aus­zu­drü­cken: Si­cher­lich "­sie­ben fette Jah­re", in de­nen der erste Pfar­rer, Wer­ner Lan­ger, mit ei­nem "Lai­en" an sei­ner Seite – der außer­dem eine Fa­mi­lie hatte - die Ge­meinde im Sinne des Kon­zils in die Zu­kunft führen wollte und die Ge­meinde die­ses neue "Am­t" of­fen auf­nahm. Mich ha­ben aber auch die fol­gen­den "­sie­ben ma­ge­ren Jah­re" ge­prägt, in de­nen ich er­le­ben muss­te, dass nicht je­der Pries­ter die­sen ge­mein­sa­men Weg ge­hen will und auch nicht muss, selbst wenn der Bi­schof das so er­war­tet. Diese ma­ge­ren Jahre ha­ben die Ge­meinde in ih­rer Ent­wick­lung viele Jahre zurück­ge­wor­fen. Ge­prägt ha­ben mich außer­dem die vie­len Fe­ri­en­frei­zei­ten und -fahr­ten mit Kin­dern, Ju­gend­li­chen und Fa­mi­li­en, so­wie die Vor­be­rei­tun­gen von Erst­kom­mu­nion und Fir­mung, bei de­nen die Ge­mein­schaft mit den Grup­pen­lei­tern und Teil­neh­mern be­son­ders nach­hal­tig ist. In­zwi­schen ar­beite ich mit dem vier­ten Pfar­rer in ei­nem Pas­to­ral­team - mit ei­nem wei­te­ren Pries­ter, Dia­kon und ei­ner Ge­mein­de­re­fe­ren­tin - in die­ser und der Neustäd­ter Pfarr­ge­meinde zu­sam­men. Und die­ser "­Sys­tem­wan­del" liegt wie­der auf dem zu­kunfts­wei­sen­den Pfad des Kon­zils. Darü­ber bin ich froh. Nicht ver­ges­sen möchte ich die wei­te­ren Kaplä­ne, Dia­ko­ne, Ge­meinde- und Pas­to­ral­re­fe­ren­ten, mit de­nen ich im Laufe der Jahre in Wunstorf zu­sam­men­ar­bei­ten und sie teil­weise in ih­rer Aus­bil­dung be­glei­ten konn­te. Warum ka­men Sie nach Wunstorf? Der da­ma­lige Pfar­rer hatte sich um mich beim Hil­des­hei­mer Bi­schof be­wor­ben. Er kannte mich und meine Fa­mi­lie aus mei­ner Zeit auf dem Wunstor­fer Flie­ger­horst und von mei­nem Vor­prak­ti­kum zum Stu­di­um. Da habe ich wohl keine schlechte Fi­gur ge­macht. Wie kam es zu die­ser Be­rufs­wahl? Eine gute Fra­ge. Da­mit habe ich so­gar meine Ehe­frau ü­ber­rascht. Denn ei­gent­lich war mein be­ruf­li­cher Wer­de­gang ganz dar­auf ab­ge­stimmt, dass ich Luft- und Raum­fahrt stu­die­ren wür­de. Meine Be­tei­li­gung am Wett­be­werb "Ju­gend forscht" bestätigte mich dar­in. Ver­läss­li­che Hin­weise aus der In­dus­trie rie­ten mir, zu­vor eine fach­li­che Qua­li­fi­ka­tion bei der Bun­des­wehr an­zu­stre­ben. So kam ich auch auf den Flie­ger­horst Wunstorf. In die­ser Zeit wuchs in mir die Er­kennt­nis, dass die Reich­weite des Ge­be­tes größer ist, als die der Ra­ke­ten. Ich bin heute noch der An­sicht, dass ich von Be­ruf und Be­ru­fung Ge­mein­de­re­fe­rent bin. Einen Re­li­gi­ons­päd­ago­gen hätte ich eher im Re­li­gi­ons­un­ter­richt der Schu­len, als in der Kir­chen­ge­meinde er­war­tet. Die Vor­aus­set­zung ist ein kom­bi­nier­tes Di­plom-Stu­dium mit dem Zu­satz "Prak­ti­sche Theo­lo­gie", für den seel­sorg­li­chen Be­ruf in den Pfarr­ge­mein­den, das die Mög­lich­keit des Un­ter­rich­tens nicht aus-, son­dern ein­sch­ließt. Ich habe 19 Jahre in al­len Schul­for­men in Wunstorf un­ter­rich­tet. Ich be­daure es heute noch, dass man mich - auf Drän­gen des da­ma­li­gen Pfar­rers – aus dem Un­ter­richt her­aus für an­dere ge­meind­li­chen Auf­ga­ben ge­nom­men hat. Es bleibt für mich eine Fehl­ent­schei­dung. Kam Ih­nen et­was zu kurz? Das Evan­ge­li­um! – Also die Ver­kün­di­gung der Bot­schaft der Bi­bel, ver­bun­den mit der ent­spre­chen­den Öff­nung der Ge­meinde ü­ber den ei­ge­nen Kirch­turm, in die Ge­sell­schaft, in die Welt hin­aus. Da­her bin ich ü­ber je­des Ge­mein­de­mit­glied froh und dank­bar, dass nicht erst auf größere In­itia­ti­ven oder Be­schlüsse der Ge­mein­de­gre­mien war­tet, son­dern in Be­lan­gen wie zum Bei­spiel Flücht­lings­hil­fe, Ob­dach­lo­sen­ar­beit und Nöte der Welt selbst ak­tiv wird. Oft sind es nur Ein­zel­per­so­nen oder ein­zelne Fa­mi­li­en, die im­mer wie­der un­be­merkt die Säu­len des Chris­ten­tums tra­gen und dafür auch die Zu­sam­men­ar­beit zu uns Haupt­be­ruf­li­chen pfle­gen. Zu viele Jahre wird ü­ber Struk­tu­ren, Kir­chen­sch­ließun­gen und Fi­nan­zen in der Kir­che ge­spro­chen, als ü­ber die Zu­kunft der Men­schen, für die wir mit­ver­ant­wort­lich sind. Oder an­ders ge­sagt: Die Ka­tho­li­sche Kir­che ist eine Welt­kir­che, aber die Pfarr­ge­meinde muss einen Blick dar­auf ha­ben, dass sie sie nicht zu ei­ner Dorf­kir­che macht. Sie sollte Leucht­turm und nicht Ker­zen­stum­mel sein. Wer in die Chro­nik der Pfarr­ge­meinde schaut muss fest­stel­len, dass alle bis­he­ri­gen Ak­tio­nen für Not­lei­dende fast aus­sch­ließ­lich aus der Grup­pen­ar­beit der Kin­der und Ju­gend­li­chen her­vor­ging. Ü­ber der­ar­tige In­itia­ti­ven von Er­wach­se­nen ist dort kaum be­rich­tet. Viel stär­ker müsse auch die Ö­ku­mene ge­er­det sein. Ent­we­der wir wer­den ö­ku­me­nisch Kir­che sein, oder wir wer­den gar nicht sein. – Ein wei­te­rer Be­reich der mir zu kurz kommt, ist die Zu­sam­men­ar­beit von Pfarr­ge­mein­de­rat und Kir­chen­vor­stand. In mei­ner Zeit in Wunstorf habe ich erst zwei­mal eine ge­mein­same Sit­zung von Pfarr­ge­mein­de­rat und Kir­chen­vor­stand er­lebt. Und das erst in den letz­ten zwei Jah­ren. Beide Gre­mien soll­ten im­mer wie­der ihre die­nende Funk­tion für die Men­schen neu ent­de­cken. Wa­ren die Kir­chen­sch­ließun­gen auf­grund bau­li­cher Män­gel nicht not­wen­dig? Es gibt dafür si­cher­lich auch nicht DEN Maß­stab. Bau­li­che Män­gel dür­fen mei­nes Er­ach­tens aber nicht das Haupt­ar­gu­ment sein. Ei­nes muss klar sein: Wenn man Chris­ten die Mitte ih­rer Ge­mein­schaft nimmt, die Kir­che, dann darf man sich ü­ber den Zer­fall der Ge­mein­schaft nicht wun­dern. Vor al­lem dann nicht, wenn man sie vor vollen­dete Tat­sa­chen ei­nes Ab­ris­ses stellt, ohne nach aus­sichts­rei­chen Al­ter­na­ti­ven zu schau­en. Dazu gehört für mich auch die ge­mein­same Nut­zung ei­ner Kir­che von evan­ge­li­schen und ka­tho­li­schen Chris­ten. Als Ver­hei­ra­te­ter im Dienst der Kir­che könn­ten Sie auch so et­was wie ein Test­mo­dell für die Ab­schaf­fung des Zö­li­ba­tes sein. Wenn mich heute je­mand fragt, ob er mei­nen Be­ruf, die­sen Dienst in der Kir­che er­grei­fen soll, dem rate ich, sich zunächst gut zu ü­ber­le­gen, ob er sich vor­stel­len könn­te, fa­mi­li­en­los zu blei­ben. Nicht, weil sich der Be­ruf prin­zi­pi­ell nicht auch mit ei­ner Fa­mi­lie ver­ein­ba­ren ließe, son­dern weil ich, bes­ser noch meine Frau und meine Söhne er­le­ben muss­ten, dass die Ge­meinde we­nig Rück­sicht dar­auf nimmt, dass auch ein Ge­mein­de­re­fe­rent ein­mal ganz für die Fa­mi­lie da sein möch­te. Ich er­lebe es eher so, dass Ge­mein­de­mit­glie­der mit ei­nem Pries­ter nach­fühlen­der und für­sorg­li­cher um­ge­hen, als mit ei­nem Fa­mi­li­en­va­ter im Dienst der Kir­che. Ü­ber­haupt hat sich an ei­ner Pries­ter­zen­triert­heit der Ge­meinde kaum et­was ver­än­dert. Woran den­ken Sie bei den Eh­ren­amt­li­chen? Es wer­den nicht mehr, son­dern im­mer we­ni­ger, ob­wohl sie drin­gend ge­braucht wer­den. An­de­rer­seits gibt es hier Ent­wick­lun­gen, die in Fair­ness und Deut­lich­keit zu kor­ri­gie­ren sind. In der Ge­mein­de­ar­beit ist es manch­mal wie beim Fuß­ball­spiel: Je­der von den Zu­schau­ern ist ein bes­se­rer Tor­wart, Stür­mer oder Ver­tei­di­ger. Je­der hätte das Tor ge­trof­fen und hätte als Trai­ner die Mann­schaft bes­ser auf­ge­stellt. In der Kir­chen­ge­meinde muss klar sein, dass die Eh­ren­amt­li­chen ihre Kom­pe­tenz ein­brin­gen sol­len – aber die Haupt­be­ruf­li­chen, gleich ob ge­weiht oder Lai­en, auch. Und das kann und muss, mit Blick auf die Ein­heit der Ge­mein­de, dann manch­mal an­ders aus­fal­len, als die Eh­ren­amt­li­chen sich vor­stel­len. Sind die 35 Dienst­jahre für die Ge­meinde ein Grund zum Fei­ern? Fei­ern? – Ich weiß nicht, ob die Ge­meinde einen Grund sieht, mit mir diese Zeit zu fei­ern. Aber wer mit mir einen Punkt hin­ter die 35 Jahre mei­nes Diens­tes set­zen möch­te, der ist ein­ge­la­den ge­mein­sam mit mir für die Ge­meinde und meine Fa­mi­lie zu be­ten. Denn wie ge­sagt: Die Reich­weite des Ge­be­tes ist größer als die der Ra­ke­ten. Und ohne die To­le­ranz und Un­ter­stüt­zung mei­ner Fa­mi­lie, könnte ich die­sen Dienst nicht tra­gen. Wie ich weiß, fin­det dies be­son­ders am Sonn­tag, 11. Fe­bruar, 10.30 Uhr, in der Wunstor­fer St. Bo­ni­fa­tius-Kir­che statt. – Was wün­schen Sie sich? Mein ers­ter Wunsch: Als Papst Jo­han­nes XXIII. das Kon­zil, also die Bischöfe der Welt, vor fast 55 Jah­ren ein­be­rief, wurde er nach sei­nem Ziel ge­fragt. Um zu ant­wor­ten ging er ans Fens­ter und öff­nete es ganz weit. "Das ist mein Ziel für die Kir­che", sagte er und meinte die Öff­nung der Kir­che, da­mit nicht nur fri­sche Luft hin­ein­kommt, son­dern der Sau­er­stoff, der uns die Kraft zur Nach­folge Christi gibt. Und noch et­was würde ich mir wün­schen: Dass wir in der Ge­meinde im­mer wie­der aufs Neue fra­gen, was das erst Wich­tigste für uns Chris­ten ist. Dann fällt al­les Ne­bensäch­li­che si­cher­lich erst ein­mal in die Ab­lage – und wir ha­ben die Kraft, die wir für un­sere Auf­ga­ben brau­chen, auch wenn wir we­ni­ger wer­den.

vom 01.02.2018 | Ausgabe-Nr. 5A

Seite drucken Drucken  | Seite versenden Versenden

« weitere Artikel

Keine Zeitung erhalten