Aktuell nimmt die Region Hannover rund 17 Prozent aller Flüchtlinge auf, die nach Niedersachsen kommen, im ersten Quartal des Jahres seien es allein circa 10.000 Menschen, so Jagau. „Wie bekommen wir es hin, diesen Menschen Perspektiven zu bieten”, lautet seine zentrale Sorge, „die Monate, die vor uns liegen, sind entscheidend.” Insbesondere die Wohnsituation sei bedenklich, in den Unterkünften sei die Grenze des Zumutbaren erreicht. Angesichts des Brandanschlages auf ein Wohnheim in Barsinghausen machte Jagau deutlich, dass er zwar Verständnis für die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger habe, nicht jedoch für Rassismus. Erwin Jordan schickte seinem Redebeitrag einen Dank an alle ehrenamtlichen Helfer voraus, „ohne dieses Engagement wären wir längst abgesoffen.” Die Personalengpässe seien erheblich, Jordan forderte dazu auf, neue, kreative Wege zu gehen, um mehr professionelle Unterstützung beispielsweise bei der Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, zu erhalten. Deren Zahl beläuft sich zurzeit auf 600, 300 weitere sollen folgen. Auch die durchschnittliche Verfahrensdauer von 5,7 Monaten führt Jordan auf die Personalknappheit zurück, aber auch auf ein fehlendes und auf Immigration abgestimmtes Regelwerk. „Wir sind noch im Bewältigungsmodus”, an Integration könne noch gar nicht gedacht werden. Aber er zeigte sich optimistisch, dass diese durchaus gelingen und sich positiv auf die Wirtschaft auswirken könne. „Aber wir müssen etwas dafür tun”, so Jordan, der hierfür neun Punkte vorstellte: Verfahren beschleunigen, Rechtssicherheit schaffen, Abschlüssen und Kompetenzen unbürokratisch anerkennen, überzogene Vorstellungen auf beiden Seiten abbauen, einen klaren Integrationspfad aufzeigen, die Übergänge von Maßnahme zu Maßnahme verlässlicher machen, geschlechterspezifische Angebote machen, die Vorrangprüfung abschaffen (laut Jordan ist diese „überflüssig wie ein Kropf”) sowie die berufliche und räumliche Mobilität der Flüchtlinge erhalten. „Wir sind ein Hotspot”, so Jordan, weil es in Hannover und der Region Arbeitsplätze gebe. Die Räume, wo die Chancen auf Integration besonders groß sind, sollten gestärkt werden, auch in Bezug auf den Wohnungsbau. Auf ein Einwanderungsgesetz könne nicht gewartet werden, ihm würden drei klare Regeln reichen: Es darf von allen Regeln abgewichen werden, wenn dies der Integration dient; alle Behörden müssen zur Kooperation verpflichtet werden; für eine ausreichende finanzielle Ausstattung wird gesorgt. Dr. Rüdiger Wapler vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit ging der Frage nach, ob die Flüchtlinge die Fachkräfte von morgen sind. Der Arbeitsmarkt sei aufnahmefähig und laut Wapler zeige die Erfahrung, dass die Integration klappe, aber Zeit benötige. Schon einmal seien nach dem Fall der Berliner Mauer eine Million Zuwanderer nach Deutschland gekommen. Eine nicht ganz vergleichbare Situation, so Wapler, die aber zeige, dass es gelingen kann. Basierend auf diesen Erfahrungen und Statistiken liege die Beschäftigungsquote von Flüchtlingen nach 15 Jahren bei 70 Prozent. Leider gebe es aktuell keine repräsentative Flüchtlingsstudie und somit keine genauen Zahlen. Sicher sei aber, dass circa 50 Prozent unter 25 Jahre alt sind und sich somit im „Bildungsalter” befinden, die unter 16-Jährigen machen fast 21 Prozent aus. Gerade für diesen Personenkreis sei ein schnell ergangener, positiver Bescheid hilfreich. Denn dann können sie sich um ihre Qualifikation kümmern. Gehe man davon aus, dass auch in 2016 eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen, dann würde das Potenzial an Erwerbspersonen um 380.000 steigen, die Zahl der Arbeitslosen würde um 130.000 anwachsen, bei aktuell 2,87 Millionen Arbeitslosen insgesamt. Wapler sprach konkrete Handlungsempfehlungen aus: Das Herstellen von Rechtssicherheit durch Beschleunigung der Asylverfahren; Sprachförderung; Unterstützung von Bildung und Ausbildung; Anerkennung von Abschlüssen und nicht-zertifizierten Fähigkeiten; effiziente, rechtskreisübergreifende Arbeitsvermittlung. Wie Bärbel Höltzen-Schoh, Vorsitzende der Geschäftsleitung der Agentur für Arbeit Hannover, berichtete, werden erste Kontakte bereits in den Aufnahmeeinrichtungen geknüpft, Qualifikationen abgefragt, etc. Die Agentur baue derzeit ein Flüchtlingsteam, bestehend aus zehn Mitarbeitern, von denen sich sechs noch in der Qualifikation befinden, auf. Die finanzielle Ausstattung ist da, so Höltzen-Schoh. Darüber hinaus gebe es regelmäßige Informationsveranstaltungen für Arbeitsgeber und man helfe bei der Vermittlung von Erstgesprächen. Zurzeit werden in der Agentur für Arbeit Hannover 564 Flüchtlinge betreut, nur ein sehr kleiner Teil von ihnen kann aufgrund der Sprachkenntnisse und Qualifikationen sofort in eine Ausbildung oder Arbeit vermittelt werden. Auch Michael Stier, Geschäftsführer des Jobcenter Region Hannover, betonte, „wir haben genügend Geld für Integrationsmaßnahmen in 2016”. Das Jobcenter habe ebenfalls eine spezielle Organisationseinheit ins Leben gerufen mit aktuell 16 Mitarbeitern. Diese hätten seit Anfang des Jahres rund 185 Kunden betreut. Vor der abschließenden Diskussionsrunde stellte Dr. Carl-Michael Vogt, Geschäftsführer der Handwerkskammer Hannover, das Projekt IHAFA vor, mit dem „jeder, der sich für Handwerk interessiert in Beruf und Ausbildung gebracht werden soll.” Die ersten Flüchtlinge hätten sich bereits beworben, die Ausbildung findet im Förderungs- und Bildungszentrum Garbsen statt. Die Agentur für Arbeit Hannover wies auf ihr aktuelles Inforamtionsangebot hin: Zweimal im Monat, immer donnerstags, lädt sie in das Berufsinformationszentrum (BiZ) zu einer offenen Informationsveranstaltung zum Thema Ausbildung und Arbeitsmarkt ein. Das Angebot richtet sich besonders an Flüchtlinge, die sich mit einer Aufenthaltsgestattung oder Duldung in der Region Hannover aufhalten und eine hohe Bleiberechtswahrscheinlichkeit haben. Ehrenamtliche Helfer können diese begleiten. Foto: mk