Im Jahr 1925 hatte Wunstorf 4981 Einwohner. 69 Einwohner waren jüdischen Glaubens. Tätig waren sie als Kaufleute, Händler, Handwerker und Angestellte. Sie waren Arbeitgeber, Freundin oder Freund, engagierten sich in der Stadt, in Vereinen. Ihre Kinder besuchten zusammen mit christlichen Kindern überwiegend eine weiterführende Schule. Kurzum, sie waren fester Bestandteil der hiesigen Stadtgesellschaft. Während des Nationalsozialismus waren sie Verfolgung, Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Damit ihr Schicksal nicht in Vergessenheit gerät, hat der Arbeitskreis Erinnerungskultur im November 2024 damit angefangen, Stolpersteine mit ihren Namen an ihrem letzten bekannten Wohnort im Stadtgebiet zu verlegen. In den kommenden Ausgaben werden diese jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger vorgestellt. Im dritten Teil geht es um die Familie Kreuzer, Südstraße 32.
Bernhard Kreuzer wurde am 6. April 1892 geboren. Im August 1921 kam er zusammen mit seiner Ehefrau Else, die am 4. März 1896 in Lissa (polnisch Leszno) als Else Goldschmidt geboren wurde, nach Wunstorf. In seinem Haus in der Südstraße gründete er ein Bekleidungsgeschäft, das er zusammen mit seinem Bruder Adolf führte. Später gründete Adolf sein eigenes Geschäft in der Langen Straße 9 bevor er 1927 nach Hannover zog. Zusammen mit seiner Ehefrau Else bekam Bernhard zwei Söhne. Hans-Joachim wurde am 2. Juni 1922 geboren. Am 29. Oktober 1931 wurde sein Bruder Klaus geboren, der bis 1939 zusammen mit seinen Eltern in der Südstraße wohnte.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begannen auch in Wunstorf die Übergriffe auf Juden und ihre Geschäfte, die arisiert oder wirtschaftlich ruiniert wurden. 1935 musste Kreuzer sein Geschäft in Wunstorf aufgeben, während sein Gardinengeschäft in Hannover dank der Anonymität einer Großstadt weiter bestand. Da die Familie weiterhin in Wunstorf wohnte, ging sein ältester Sohn in die Scharnhorst-Schule. In den Pausen durfte niemand mit ihm reden oder spielen. Stattdessen wurde er angepöbelt oder geschlagen. Nur Lehrer Bohne zog die Schuldigen zur Rechenschaft. So die Schilderung in „Das Schicksal der Juden in Wunstorf“ von Heiner Wittrock. Auch seine Mutter erlebte als Mitglied im Wunstorfer Frauenchor Ausgrenzung. Im April 1938 zog Hans-Joachim nach Berlin, um dort eine landwirtschaftliche Ausbildung zu absolvieren. Beim Novemberpogrom 1938 wurde sein Vater zusammen mit anderen Juden verhaftet, ins KZ Buchenwald deportiert und schwer misshandelt. Nach der Haftentlassung erlitt Else Kreuzer angesichts der schweren Verletzungen ihres Mannes einen Nervenzusammenbruch und wurde in der Heilanstalt und Pflegeanstalt behandelt. Um seiner Mutter in dieser Zeit beizustehen, kehrte Hans-Joachim kurz nach Wunstorf zurück. Im Februar 1939 zogen seine Eltern zusammen mit seinem Bruder nach Hannover. Von dort wurde die Familie 15. Dezember 1941 nach Riga deportiert. 1944 wurden seine Eltern im KZ Stutthof ermordet, sein Bruder im KZ Auschwitz. Hans-Joachim war 1939 die Flucht nach Palästina gelungen.
Die Kranzniederlegung mit Verlesung der Namen am Mahnmal auf dem Stiftshügel ist am 15. Dezember um 11.30 Uhr. Die Veranstaltung beginnt bereits um 11 Uhr mit einem Vortrag von Stefanie Burmeister, Leiterin der Gedenkstätte Ahlem.