Bewegende Begegnung | Wunstorfer-Stadtanzeiger

Bewegende Begegnung

Empfang im Rathaus: Besuch von Angehörigen der Familie Kreuzer in Wunstorf. (Foto: privat)
Empfang im Rathaus: Besuch von Angehörigen der Familie Kreuzer in Wunstorf. (Foto: privat)
Empfang im Rathaus: Besuch von Angehörigen der Familie Kreuzer in Wunstorf. (Foto: privat)
Empfang im Rathaus: Besuch von Angehörigen der Familie Kreuzer in Wunstorf. (Foto: privat)
Empfang im Rathaus: Besuch von Angehörigen der Familie Kreuzer in Wunstorf. (Foto: privat)

Nachfahren der jüdischen Familie Kreuzer haben Wunstorf besucht und dabei an das Schicksal ihrer Angehörigen erinnert. Am Freitag, 9. Oktober, kamen Atalia Shafir, die Tochter von Hans Joachim Kreuzer, gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, ihrer Tante Gerda Steinfeld, deren Sohn sowie zwei weiteren Verwandten aus Deutschland in die Auestadt. Hans Joachim Kreuzer war der einzige Überlebende der jüdischen Familie Kreuzer, die von 1921 bis 1939 in der Südstraße 32 lebte. Sein Vater Bernhard Kreuzer betrieb dort ein Textilkaufhaus, zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Adolf. Dieser zog 1927 nach Hannover. Im zunehmend judenfeindlichen Klima der NS-Zeit gelang Hans Joachim Kreuzer 1939 die Flucht nach Palästina. Seine Eltern Bernhard und Else sowie sein jüngerer Bruder Klaus wurden später im Holocaust ermordet.

Buchrestitution als Anlass der Reise

Dem Besuch war eine Einladung der Stadtbibliothek Hannover vorausgegangen. Die dort tätige Provenienzforscherin Silke Bremer hatte in den Beständen der Bibliothek ein Buch entdeckt, das Else Kreuzer gewidmet war. Dabei handelte es sich um ein Liederbuch von Herder. Daraus ergab sich die Verpflichtung zur Restitution, also zur Rückgabe an die erbberechtigten Angehörigen. Die israelischen Nachfahren der Familie Kreuzer nahmen die Einladung sofort an. Ursprünglich sollte die Reise bereits im April stattfinden. Der Krieg zwischen Israel und Iran durchkreuzte jedoch die Planungen, weil die bereits gebuchten Flüge gestrichen wurden. Im zweiten Anlauf gelang die Reise nach Deutschland. In Hannover wurde das Buch am 8. Oktober durch Oberbürgermeister Belit Onay an die Familie übergeben. Einen Tag später besuchten die Angehörigen Wunstorf. Hans Joachim Kreuzer war bereits 1992 noch einmal in seine frühere Heimatstadt zurückgekehrt.

Empfang im Rathaus

Vor dem Empfang im Rathaus besuchten die Gäste das Mahnmal an der Abtei. An den Gesprächen im Rathaus nahmen neben der stellvertretenden Bürgermeisterin Kirsten Riedel auch Ratsvorsitzender Rolf Herrmann, der Autor Heiner Wittrock, Verfasser eines Standardwerks über die Wunstorfer Juden, sowie Stadtarchivar Klaus Fesche teil. Silke Bremer begleitete die Gäste ebenfalls. Kirsten Riedel dankte den Gästen in ihrer Begrüßungsrede dafür, dass ihr Besuch Erinnerung und Verständnis fördere. Zugleich bekräftigte sie die Mahnung, dass sich die Verbrechen der NS-Zeit niemals wiederholen dürften. Dafür erhielt sie großen Applaus. In ihrer Dankesrede zeichnete Atalia Shafir ein liebevolles Bild ihres Vaters Hans Joachim Kreuzer, der sich in Israel Jair nannte. Sie beschrieb ihn als stets optimistischen Menschen und fürsorglichen Familienvater, den alle, die ihn kannten, ins Herz geschlossen hätten. Zugleich wurde deutlich, welch großer Verlust es gewesen wäre, wenn auch er Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung geworden wäre.

Konnte entkommen: Hans-Joachim Kreuzer. (Foto: Sammlung Wittrock, Stadtarchiv Wunstorf)
Konnte entkommen: Hans-Joachim Kreuzer. (Foto: Sammlung Wittrock, Stadtarchiv Wunstorf)

Nur ihre Namen haben überlebt

Im Jahr 1925 hatte Wunstorf 4981 Einwohner. 69 Einwohner waren jüdischen Glaubens. Tätig waren sie als Kaufleute, Händler, Handwerker und Angestellte. Sie waren Arbeitgeber, Freundin oder Freund, engagierten sich in der Stadt, in Vereinen. Ihre Kinder besuchten zusammen mit christlichen Kindern überwiegend eine weiterführende Schule. Kurzum, sie waren fester Bestandteil der hiesigen Stadtgesellschaft. Während des Nationalsozialismus waren sie Verfolgung, Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Damit ihr Schicksal nicht in Vergessenheit gerät, hat der Arbeitskreis Erinnerungskultur im November 2024 damit angefangen, Stolpersteine mit ihren Namen an ihrem letzten bekannten Wohnort im Stadtgebiet zu verlegen. In den kommenden Ausgaben werden diese jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger vorgestellt. Im dritten Teil geht es um die Familie Kreuzer, Südstraße 32.

Anschließend sprach die heute 94-jährige Gerda Steinfeld. Bewegend schilderte sie ihre Erinnerungen an ihre Kindheit vor dem Zweiten Weltkrieg und an ihre Zeit im Konzentrationslager Theresienstadt. Besonders eindringlich berichtete sie von den Erlebnissen ihres Cousins Klaus Kreuzer, geboren 1931. Dieser habe die Verhaftung seines Vaters während der Reichspogromnacht, den anschließenden Krankenhausaufenthalt seiner Mutter und den Verlust der elterlichen Wohnung schwer verarbeitet. Else Kreuzer erlitt einen Zusammenbruch, nachdem ihr Ehemann Bernhard nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Buchenwald schwer gezeichnet zurückgekehrt war. Kurz darauf zog die Familie von Wunstorf nach Hannover. Im Dezember 1941 wurde sie von Ahlem aus nach Riga deportiert. Klaus Kreuzer und seine Eltern wurden später ermordet. Gerda Steinfelds inzwischen verstorbene Schwester Margot Kleinberger schilderte ihre gemeinsamen Jugenderlebnisse und die Haft in Theresienstadt in dem Buch „Transportnummer VIII/1387 hat überlebt“.

Besuche an historischen Orten

Als Geschenk der Stadt erhielten die Gäste das Buch von Heiner Wittrock über das Schicksal der Wunstorfer Juden, den Kalender des Heimatvereins für 2027 mit historischen Fotos aus Wunstorf sowie ein vom Stadtarchiv erstelltes Faltblatt mit Fotos und Dokumenten zur Familie Kreuzer. Heiner Wittrock hatte Hans Joachim Kreuzer und dessen Ehefrau bereits bei deren Besuch im Jahr 1992 kennengelernt. Dem Empfang folgten Besuche am früheren Wohnhaus der Familie in der Südstraße 32 und am Mahnmal an der Abtei. Beim anschließenden Mittagessen im Ratssaal wurden die Gespräche fortgesetzt. Die Gäste betonten mehrfach ihre positive Überraschung darüber, dass die Erinnerung an die früheren jüdischen Einwohner Wunstorfs lebendig gehalten wird.


André Tautenhahn (tau)
André Tautenhahn (tau)
Freiberuflicher Journalist
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