Im Jahr 1925 hatte Wunstorf 4981 Einwohner. 69 Einwohner waren jüdischen Glaubens. Bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung im Januar 1933 waren sie fester Bestandteil der hiesigen Stadtgesellschaft. Danach waren sie Verfolgung, Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Damit ihr Schicksal nicht in Vergessenheit gerät, hat der Arbeitskreis Erinnerungskultur im November 2024 begonnen, Stolpersteine mit ihren Namen an ihrem letzten bekannten Wohnort im Stadtgebiet zu verlegen. In dieser Woche wurden weitere Stolpersteine hinzugefügt.
Insgesamt wurden zehn Stolpersteine unter reger Anteilnahme der Bürgerinnen und Bürger im Stadtgebiet verlegt. Schülerinnen und Schüler der Evangelischen IGS und des Hölty Gymnasiums verlasen jeweils die Lebensläufe der Opfer. Zahlreiche Teilnehmende legten Rosen als Zeichen der Würde an den Gedenksteinen nieder. Begleitet wurde die Verlegung auch von Gästen aus New York. Es handelte sich dabei um die Nachfahren der Familie Schloss, die bis 1938 in der Lange Straße 57 wohnte. Den Bogen in die Gegenwart schlagend, erinnerte der Vorsitzende des Arbeitskreises Erinnerungskultur, Andreas Vahrnholt, an die Absage des Stadtrates in Heidenau zur Verlegung weiterer Stolpersteine im Stadtgebiet. Als Mitarbeiter der Firma Gunter Demnig und diesjähriger Verleger der Stolpersteine teilte Frank-Matthias Mann mit, dass sie Aufträge für die nächsten zehn Jahre hätten. Auch dies eine Reaktion auf Heidenau, so Mann.
In Steinhude wurden Stolpersteine zum Gedenken an Ida Frank, Ottenlock, und ihren Cousin Levi Frank, Kreuzung Ottenlock/An der Schanze verlegt. Nicht nur ihre Lebensläufe sondern auch eine Postkarte von Ida Frank wurden neben den Ergebnissen einer privaten Recherche von der Steinhuderin Dori Bredthauer verlesen. Dieses Dokument und weitere sind der Nachforschung von Hermann Beckedorf zu verdanken, wie seine Tochter Silke Beckedorf ausführte. Abrufbar sind die Dokumente unter: https://collections.yadvashem.org/en/names/13918987.
Die letzte Verlegung fand in der Langen Straße 57 zum Gedenken an die Familie Schloss statt, die 1983 in die USA emigrierte. Es war der erste öffentliche Auftritt des neuen Bürgermeisters Martin Pavel (CDU). Er lobte die Fortsetzung der Arbeit der Erinnerungskultur, die das Schicksal der Opfer in die Stadt und ins Bewusstsein der Menschen zurückholt. Dabei wand er sich auch direkt an die Nachfahren von Harry, Marta und Edith Schloss. So lobte er besonders ihre Offenheit im Umgang mit dem Schicksal ihrer Vorfahren. Anschließend ergriff David Kraus als Sohn von Edith Schloss das Wort. Mit bewegenden Worten erzählte er von seiner Mutter. Sie kehrte nie nach Deutschland zurück, hat aber trotzdem Menschen in Wunstorf geholfen.
Auf dem Gelände der KRH Psychiatrie wurden fünf Stolpersteine stellvertretend für die ungefähr 370 Opfer der Euthanasie verlegt. Drei weitere sollen im Mai 2027 folgen, wie der Vorsitzende des Vereins „Psychiatrie bewegt“, Andreas Tänzer, erläuterte. Dabei schilderte er auch, dass das Schicksal der damaligen Patienten sie tief bewegte. Über die Schwierigkeiten zur Recherche zu diesem Thema berichtete Michael von der Haar aus Bad Rehburg.