Überall können wir sie hören. Wenn wir denn wollen. Die Mahner, die warnen: unsere Demokatie ist in Gefahr! Es fängt ganz harmlos an: Wir und die anderen. Wir, das sind diejenigen, die Missstände benennen. Und diejenigen, die sagen, wer diese nicht beheben kann. Und wer auch Schuld daran trägt. Das sind die anderen. Die in dieses Land gekommen sind, um uns auszunutzen. Um uns ihre Kultur und Religion überzustülpen. Und diejenigen, die sie hereingelassen haben. Die nichts dagegen unternommen haben. Und die Konsequenz daraus: Die müssen alle weg.
So hat schon einmal eine große Katastrophe begonnen. So etwas möchte ich jedenfalls nicht erleben. Ich sehe mir lieber an, was mir in unserer hart erkämpften Demokratie wichtig ist. Und was gut ist: Hier darf jeder und jede ungestraft seine oder ihre Meinung sagen. Jeder und jede kann die Religion ausüben, die ihm oder ihr gefällt – oder auch gar keine. Unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Religion haben alle die gleichen Rechte. Wir haben eine Presse, die frei berichten kann und deren Freiheit vom Grundgesetz geschützt ist. Alle Menschen hier dürfen den Beruf lernen und ausüben, den sie möchten. Alle Menschen hier dürfen lieben und heiraten (oder auch nicht,) wen sie wollen. Niemand muss hungern. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses alles steht in unserem Grundgesetz.
All das scheint mir in Gefahr zu sein. Und als Christin sehe ich auch das Gebot der Nächstenliebe in Gefahr. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (3. Mose 19, 18). Wenn ich das ernst nehme, kann ich andere Meinungen nicht verbieten. Kann ich andere Lebensformen nicht verbieten. Ist jeder Mensch –egal welcher Herkunft – gleich viel wert. Gleich liebens-würdig. Und wie arm wäre unser Leben ohne die Menschen aus anderen Ländern. Wir hätten nicht so eine abwechslungsreiche Küche. Wir hätten weniger Gewürze, Stoffe, Technik … Und wir wüssten nichts von der Welt. Und wenn Extremisten heute laut ausrufen: Wir sind das Volk! – so irren sie sich. Das Volk sind wir alle. Und wir sind sehr unterschiedlich. Und das ist gut so. Ich möchte die Freiheit, die wir heute genießen, nicht aufgeben. Ich möchte, dass Menschen in Not in unserem Land weiterhin geholfen wird. Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan (Matthäus 25). Denn wenn wir uns umsehen, können wir feststellen: Uns geht es doch gut. Wir können uns Hilfe leisten, ohne dass wir Not leiden müssten. Lassen wir uns Freiheit und Demokratie und soziale Gerechtigkeit nicht stehlen! All dies ist hart erkämpft worden. Und wir alle brauchen dieses Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wir alle brauchen nämlich auch sicher irgendwann Hilfe. Ich wünsche mir, dass es nicht „wir oder die anderen“ heißt, sondern nur noch „wir Menschen“!