Der NABU Wunstorf warnt in der Diskussion um die Entschlammung des Steinhuder Meeres vor Aktionismus und Alarmismus. Der Verband sieht die zuletzt verstärkten politischen Aktivitäten zum Thema auch vor dem Hintergrund des Kommunalwahlkampfs und nimmt den Welttag der Seen zum Anlass für eine Einordnung der Debatte.
Viele Anlieger und Nutzer befürchten, dass das Steinhuder Meer durch Schlammbildung und Sedimentverlagerungen zunehmend verlandet. Der Vorsitzende des NABU Wunstorf, Karl-Heinz Nagel, hält Panik jedoch für unbegründet. Verlandung sei ein natürlicher Vorgang in einem Flachsee. Das Steinhuder Meer habe sich über rund 14.000 Jahre auf seine heutige Größe verkleinert und werde unter normalen Bedingungen noch mehrere Tausend Jahre bis zu einer vollständigen Verlandung benötigen. Als Unsicherheitsfaktor nennt der Verband die Folgen des Klimawandels.
Nach Ansicht des NABU sind viele Schlammprobleme menschengemacht. Kritisch bewertet der Verband die frühere Einleitung von Abwässern aus der Kläranlage Großenheidorn sowie die Anlage der Badeinsel bei Steinhude, durch die eine Schlammfalle entstanden sei. Auch bisherige Entschlammungsmaßnahmen werden skeptisch gesehen, da sie möglicherweise neue Ablagerungsbereiche geschaffen haben. Die vom Verein zur Erhaltung des Steinhuder Meeres (VESM) vorgenommenen Tiefenmessungen begrüßt der NABU. Sie könnten jedoch nur eine Momentaufnahme darstellen, da Wind und Wetter die Schlammverteilung innerhalb weniger Jahre deutlich verändern können.
Eine großflächige Entnahme von mehreren Hunderttausend Kubikmetern Schlamm hält der Verband für finanziell und logistisch nicht umsetzbar. Schlammpolder im Toten Moor lehnt der NABU ab, da diese aus seiner Sicht dem Klima- und Naturschutz widersprechen würden. Den Seeentwicklungsplan bewertet der Verband insgesamt positiv. Er müsse jedoch regelmäßig an neue Erkenntnisse angepasst werden. Neben der Fortsetzung punktueller Entschlammungsmaßnahmen fordert der NABU vor allem eine schnelle Verringerung des Nährstoffeintrags in den See. Dabei sieht er auch die Stadt Wunstorf in der Pflicht.
Das Steinhuder Meer ist Natur. Es ist Heimat. Aber vor allem ist es auch ein erheblicher Wirtschaftsfaktor für unsere Region – und genau das wird in der aktuellen Diskussion offenbar lieber verdrängt.
Tourismus, Gastronomie, Hotellerie, Ferienwohnungen, Campingplätze, Bootsverleiher, Segelschulen, Einzelhandel und zahlreiche Vereine leben davon, dass Menschen an das Steinhuder Meer kommen und es nutzen können. Davon hängen Arbeitsplätze und Einnahmen für unsere Kommunen ab.
Wer den See immer weiter verlanden lässt und anschließend überrascht tut, wenn Gäste ausbleiben, Angebote verschwinden und Betriebe aufgeben müssen, handelt nicht vorausschauend, sondern verantwortungslos. Das Steinhuder Meer wird nicht dadurch geschützt, dass wir Probleme aussitzen. Seit Jahren ist bekannt, dass der See immer flacher wird. Seit Jahren wird diskutiert, geprüft und vertagt. Es gibt Gutachten, Zuständigkeiten und Genehmigungsverfahren – aber der Schlamm wartet nicht auf politische Entscheidungen.
Während wir uns in Endlosschleifen verlieren, lagert sich jedes Jahr neuer Sediment ab. Das ist kein Naturereignis, dem man hilflos ausgeliefert ist. Es ist ein Problem, für das wir Verantwortung übernehmen müssen. Natürlich muss der Naturschutz berücksichtigt werden. Aber wer Naturschutz mit Untätigkeit verwechselt, schützt am Ende weder die Natur noch den See. Ein Naturraum, den man dauerhaft erhalten will, muss aktiv gepflegt und gemanagt werden.
Für mich gehört deshalb eine konsequente Entschlammung dazu. Wenn jedes Jahr zehntausende Kubikmeter Sediment hinzukommen, ist es doch absurd, nur einen Bruchteil davon wieder herauszuholen und das anschließend als Erfolg zu verkaufen. Was passiert, wenn bestimmte Bereiche irgendwann nicht mehr befahrbar sind? Wenn Anleger nicht mehr erreichbar sind? Wenn Wassersportangebote verschwinden und Gäste andere Ziele suchen? Dann geht es nicht mehr um ein paar Zentimeter Wassertiefe. Dann geht es um Arbeitsplätze, Betriebe und die wirtschaftliche Zukunft einer ganzen Region. Ich will deshalb keine künstliche Auseinandersetzung zwischen Naturschützern und Wassersportlern. Ich will ein Steinhuder Meer, das ökologisch wertvoll und gleichzeitig lebendig und nutzbar bleibt. Dafür brauchen wir keinen weiteren politischen Stillstand, sondern einen klaren Plan, messbare Ziele und den Willen, diese auch umzusetzen.
Frederik Bindt, Großenheidorn