Die Stadt Wunstorf setzt zunehmend auf direkte Kommunikation mit den Bürgern über soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und künftig auch über Apps. Derzeit betreibt die Stadt neben ihrem Hauptkanal @Stadt Wunstorf noch drei weitere. Mit @wunstorfer, @wunstorfevents sowie @jugendpflege.wunstorf richtet sich die Verwaltung an bestimmte Zielgruppen und Interessen. Auf Nachfrage erklärt die Stadt, dass die Betreuung dieser Kanäle noch Projektstatus habe. Um den Hauptkanal kümmert sich demnach eine Mitarbeiterin mit einem zeitlichen Stellenanteil in Höhe von etwa 5 Prozent eines Vollzeitäquivalents. Heißt: im Schwerpunkt hat sie andere Aufgaben.
Besonders aufgefallen sind die Aktivitäten zuletzt durch eine Social Media-Kampagne zur Sanierung der Innenstadt. Hier bilden Videos und Clips mit verantwortlichen Mitarbeitern der Stadtverwaltung, die vor der Kamera spezielle Aspekte des geplanten Vorhabens erklären, den Schwerpunkt. In der Visualität wird ein Mehrwert gesehen. Nach Auffassung der Verwaltung ist das auch von Erfolg gekrönt. Demnach haben die jüngsten Clips um die 10.000 Klicks erzielt. Eine bezahlte Reichweitensteigerung wird nicht genutzt, die vorliegenden Zahlen aber als Bestätigung für das bisherige Vorgehen gewertet.
„Ein aktiver und professioneller Social-Media-Auftritt stärkt aus unserer Sicht zudem das Vertrauen in die Verwaltung und steigert die Breite der Informationsgewinnungsmöglichkeiten“, sagt Stadtsprecher Daniel Pfingsten. Dass sich die Stadt in diesem Bereich stärker aufstellt, bedeute, sich der Lebenswirklichkeit in Zeiten der Digitalisierung anzupassen. Das Informationsbeschaffungsverhalten der Menschen habe sich geändert. „Bürgerinnen und Bürger erwarten heutzutage Transparenz und aktuelle, zeitnahe Informationen. Diesem Bedürfnis kommen wir nach“, so Pfingsten.
Allerdings läuft das auch in die andere Richtung. Auffällig ist, dass die Verwaltung selbst die Debatten in den sozialen Netzwerken verfolgt und dortige Äußerungen in Bewertungen und Vorträgen übernimmt. So haben es schon KI-generierte Bilder von Baustellen und Kinderbüchern aus den sozialen Netzwerken in die Präsentationen der Bauverwaltung geschafft. Ein merkwürdiger Vorgang. Auch Kommunalpolitiker sind auf den Plattformen unterwegs und verbreiten Informationen, reagieren auf Kommentare anderer Nutzer, korrigieren Sachverhalte oder unterstützen bestimmte Vorhaben.
Was ist der Grund? Sind die Menschen kaum noch an Wahlkampfständen, an Stammtischen oder bei Bürgerdialogen zu erreichen? Richtet sich daher der Blick auf die sozialen Netzwerke? Dort scheint Kommunikation stattzufinden und es entsteht der Eindruck von Erreichbarkeit und Diskussion. Doch ist es sinnvoll, wenn Akteure beginnen, ihr Handeln an dem auszurichten, was in digitalen Echokammern verhandelt wird? Was ist, wenn Entscheidungen nicht mehr auf dem Fundament einer breiten gesellschaftlichen Realität stehen, sondern auf dem schmalen Boden algorithmisch verstärkter Meinungen?
Der Verkehrsdezernent der Region Hannover, Ulf-Birger Franz hat gerade erklärt: Weniger Social Media, mehr Dialog. Er warnt davor, Social-Media-Proteste zu überschätzen – und setzt auf repräsentative Beteiligung statt lautstarke Einzelmeinungen. „Wir sollten aber nicht der Tendenz folgen, nur auf die zu hören, die am lautesten sind“, sagt Franz in einem Gespräch mit der HAZ. Die Erfahrung des zurückliegenden Jahres zeige, dass die Politik durchaus Angst vor negativen Reaktionen auf Social-Media-Plattformen habe. Er wünsche sich deshalb mitunter, den Verzicht auf Kommunikation via Facebook oder Instagram, mehr persönliche Beteiligung von tatsächlich Betroffenen.
Das Problem mit sozialen Netzwerken ist, dass sie in der Breite eben nicht mehr Menschen erreichen, obwohl reine Klickzahlen das vielleicht vermuten lassen, sondern nur mehr Menschen aus bestimmten Gruppen, die spezielle digitale Angebote nutzen, Inhalte teilen und mit anderen Nutzern der gleichen Gruppe interagieren. So kann es sein, dass man in der einen Bezugsgruppe vielleicht sehr erfolgreich ist, andere Gruppen aber überhaupt nicht erreicht. Folglich müsste eine Kommunikation, die auf gesellschaftliche Breite abzielt, noch viel mehr Kanäle unterhalten, um auch jene zu erreichen, die auf bestimmten Plattformen schon gar nicht mehr unterwegs sind, dafür aber auf anderen oder auf gar keinen. Die Stadt liefert selbst Belege für dieses Dilemma, indem sie identische Kanäle auf Facebook und Instagram betreibt mit unterschiedlichen Follower-Zahlen.
Demnächst also auch noch TikTok oder YouTube? Und was ist mit X, ehemals Twitter? Ein Kanal der Stadt existiert dort offensichtlich noch, wird aber seit 2017 nicht mehr bespielt. Hat man den etwa vergessen? Die digitale Kommunikation eröffnet Chancen, birgt aber auch Risiken. Wer sich allein auf soziale Netzwerke verlässt, erreicht nicht automatisch alle Bürger, unterliegt aber mitunter der Fehlannahme von gesellschaftlicher Relevanz. Für eine ausgewogene Informationspolitik bleibt es daher entscheidend, analoge und digitale Wege klug miteinander zu verbinden.