Wir sind in einem Wahlkampf-Jahr. Spätestens im September wird es auch in unserer Region wieder spannend – zumindest teilweise. An diese Stelle hoffe ich, dass meine Chefs nicht unruhig auf ihren Sesseln umher rutschen. Ich hatte vor Zeiten einmal versprochen, die Politik aus meinen Kolumnen herauszulassen. Das bleibt auch so! Das Wortspiel hat sich mir nur einfach aufgedrängt. Da fällt mir ein, hundertprozentig habe ich in der Vergangenheit die Politik doch nicht herausgehalten – ich hatte den Namen des amerikanischen Präsidenten einige Male verwendet – das fällt aber ja eigentlich nicht unter Politik, sondern eher unter … ja, weiß ich auch nicht so richtig. Mir geht der Walkampf nicht aus dem Kopf. Ist ja auch kein Wunder. Seit dem 3. März herrscht an der Ostseeküste Walkampf – Tierschützer, Politiker, Veterinäre, selbsternannte oder sogar nachgewiesene Walspezialisten, Meeresökologen, Wildtierforscher und viele, viele Menschen aus nah und zunehmend auch aus fern, wissen, wie es mit „Timmy“ weitergehen soll. Auf den Namen „Timmy“ hat man sich wohl gemeinhin geeinigt, bestimmte Bevölkerungsgruppen möchten ihn auch gern „Hope“ (dtsch.: Hoffnung) nennen.
Verirrt oder letzte Ruhestätte
An der Stelle beziehe ich erst einmal konkret Stellung zu meiner eigenen Meinung zu der Frage, ob das Tier gerettet werden soll, muss oder kann, oder ob der Wal dort selbstbestimmt eine geeignete Ruhestätte für sein Ableben gefunden hatte. Ich habe keine Meinung – weil – ich habe keine Ahnung! Da halte ich es gern mit einem Zitat des Kabarettisten Dieter Nuhr (Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die … halten). Insider wissen, dass ich begeisterter Taucher bin – nein, nicht Schnorchler, sondern richtig tief und richtig lange. Ich bezeichne mich als Naturschützer und -bewahrer. Ich liebe die Unterwasserwelt, nehme immer ein Netz mit, damit ich den unter Wasser gefundenen Unrat einsammeln und an Land bringen kann. Mir schwillt der Kamm, wenn Korallen zertreten werden oder Delphine in ihren Schlafregionen gestört werden. Aber zurück zur Insel Poel und dem Wal. Ich bin der Ansicht, dass tatsächlich niemand wirklich mit Überzeugung und allerbestem Gewissen sagen kann, was den Wal bewogen hat, aus dem Atlantik bis nach Wismar und später auf die Sandbank vor Timmendorf zu reisen.
Ein „Walflüsterer
Niemand hat mit ihm gesprochen – halt – ein „Schamane“ namens Bernhard aus Lübeck hat kürzlich erklärt, er habe Kontakt mit „Timmy“ gehabt, als er kilometerweit entfernt seine Bahnen in einem Schwimmbad zog. Na ja, Hauptsache Wasser. Mittlerweile hat der Walkampf oder auch das Waldrama (Silbentrennung nach dem l, nicht nach dem d) international Aufsehen erregt. Vom Baggerfahrer aus Stadthagen bis nach Australien reicht die Aufmerksamkeit. Walkampf nenne ich es aber nicht nur wegen des Wortspiels. Im Zuge der Entscheidungen haben sich die Fronten immer weiter verhärtet. Politikern werden Selbstsucht und Eigennutz vorgeworfen. Sogar der Vorsatz, das Tier sterben zu lassen, damit man später sein Skelett ausstellen könne, kam zur Sprache. Es hat auch nicht lange gedauert, da kursierten Morddrohungen in den sozialen Medien. Derzeit wird ein „Abschlepp-Manöver“ vorbereitet. Sogar bis in seine heimischen Gewässer soll er gerüchteweise in einem Ponton transportiert werden. Ich stelle mir gerade vor, das klappt … und eine Woche später liegt der Wal wieder auf einer Sandbank. Was machen wir denn dann? Alles auf Null? Alles wieder von vorne? Oder wechseln die Befürworter dann das Lager? Noch ein anderer Aspekt hat mich im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Walrettern und den „Zulassern der Natur“ bewegt. Täglich sterben abertausende von Tieren weltweit – auch Wale. In der Ostsee bewirkt die öffentliche Wahrnehmung die teilweise erschreckend rabiaten Reaktionen. Diese sind in Teilen von völliger Ahnungslosigkeit angetrieben. Ich stelle mir die Frage, ob diese Menschen eigentlich alles Vegetarier sind. Warum ist für sie (die Nichtvegetarier) die Quelle für das Steak, das Geflügel, den Lachs oder auch nur für das Frühstücksei weniger wert, als der verirrte Riese vor der Küste? Nochmal – ich habe keine Ahnung, was richtig ist. Was ich aber weiß ist, dass etwas mehr Toleranz, Nachdenken, Rücksichtnahme, Empathie für Mensch und Tier und die Bereitschaft, auch andere Ansichten zu akzeptieren, die Welt ein kleines Stück besser machen würde – auch vor Poel! Ihr heute etwas nachdenklicher Axel Bergmann