Im Jahr 1925 hatte Wunstorf 4981 Einwohner. 69 Einwohner waren jüdischen Glaubens. Bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung im Januar 1933 waren sie fester Bestandteil der hiesigen Stadtgesellschaft. Danach waren sie Verfolgung, Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Damit ihr Schicksal nicht in Vergessenheit gerät, hat der Arbeitskreis Erinnerungskultur im November 2024 begonnen, Stolpersteine mit ihren Namen an ihrem letzten bekannten Wohnort im Stadtgebiet zu verlegen. In dieser Woche wurden weitere Stolpersteine hinzugefügt.
Vier wurden vor der Bahnhofstraße 93 verlegt. Hier werden Passanten zukünftig über die Familie de Jonge und Margot Hirschland stolpern und vielleicht auch einen Moment innehalten, um ihrer zu Gedenken. In der Hindenburgstraße stolpert man jetzt vor der Nummer 93 über zwölf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, die verfolgt und deportiert wurden. Ein Schicksal, das auch Röschen Spanier erlitt. Zu ihrem Gedenken wurde ein Stolperstein in der Küsterstraße 4 verlegt. Vielen ist sie auch bereits bekannt aus der Ausstellung „Frauen gestalten Wunstorf vom Mittelalter bis heute“. Eine der Ausstellungstafeln ist ihrem Leben und Wirken gewidmet. Wie so oft steht der Zufall Pate in besonderen Momenten wie diesen. Am Tag der Verlegung des Stolpersteins für Röschen Spanier fand Dagmar Liebig, die im Nachbarhaus groß wurde, das Tagebuch von Röschen Spanier aus dem Jahr 1911 im Keller. Und so brachten nicht nur die Worte von Andreas Varnholt (Vorsitzender des Arbeitskreises Erinnerungskultur) allen Anwesenden ihr Schicksal näher, sondern auch dieses ganz persönliche Zeugnis einer jüdischen Mitbürgerin.
Trotz sorgfältiger Recherche ist es nicht immer möglich, den letzten Wohnort der Deportierten in Wunstorf herauszubekommen. Und so wurden die Gedenksteine für das Ehepaar Kraft und Wilhelm Roth vor dem Rathaus verlegt. Hier erinnerte Bürgermeister Carsten Piellusch ebenfalls an das Schicksal jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Er berichtete von der heute so erschütternden Aussage des damaligen Wunstorfer Bürgermeisters aus dem Jahr 1941, dass Wunstorf nun judenfrei sei. Das Erinnern sei für uns alle wichtig und schlug so den Bogen zu dem Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“. Dieser wurde abends in Gedenken an den Brandanschlag 1992 in der Stadtkirche gezeigt. Sowohl Piellusch als auch Varnholt dankten allen Sponsoren, ohne die die Verlegung der Stolpersteine nicht möglich wäre. Nachdem Schüler der Evangelischen IGS die Lebensläufe von Elfriede und Emil Kraft und Wilhelm Roth vorgelesen hatten, ergriff Kashi Behrstock aus den USA das Wort. Mit bewegenden Worten erzählte sie, wie der Wunstorfer Hans Hanebuth sie als Nachfahrin des Ehepaars Kraft ausfindig gemacht hat und was das für die bedeutet. Den Schlusspunkt setzte Christine Roth (Enkelin von Wilhelm Roth) mit Zitaten aus seinem letzten Brief aus dem KZ Stutthof im Jahr 1944.
In den kommenden Ausgaben des Stadtanzeigers werden die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger der jetzigen Verlegung im Rahmen der Serie „Spuren im Pflaster - Nur ihre Namen haben überlebt” einzeln vorgestellt.