Es ist wieder soweit – seit Aschermittwoch gilt wieder die Fastenzeit, zumindest die religiöse. Eine Besonderheit gibt es in diesem Jahr. Die Fastenzeit im Islam, der Ramadan, startete am selben Tag. Einen großen Vorteil haben die Anhänger des Islam – die Zeit der Enthaltsamkeit endet nach vier Wochen, die im Christentum endet erst Ostern. Ich faste seit etwa 15 Jahren. Zugegeben, nicht nach den Regeln der Kirche. Vielmehr habe ich meine eigenen „Optimierungen“ festgelegt. Ich bewegte mich damals am Aschermittwoch im Schneckentempo auf der A7 und kroch von einem Stau zum nächsten. Über zwei Stunden berieselte mich mein norddeutscher Lieblingssender mit dem Thema Fasten – vom Verzicht auf Essen, Trinken, Sex, Handy, Urlaub oder alles, was sonst noch Spaß macht. Der Verzicht ist eine der Hauptsäulen des Fastens – glauben Sie mir.
Fasten beim Sportlerball
Mir als Schokoholic (siehe Dubai-Schokolade) war klar, keine Süßigkeiten mehr. Der Verzicht auf Alkohol war nicht so belastend – bis der erste Sportlerball in die Zeit fiel. „Komm mit an die Theke“, hieß es. Bestellt wurden vier Mojito, drei Sekt und ein … Mineralwasser! Nach sechs Uhr abends keine Kohlenhydrate mehr. Das hatte ich während einer Ernährungsfortbildung als Übungsleiter gelernt. Ich stellte fest, dass der abendliche Gang an den Kühlschrank oder die Snackbar zeitweise aus reiner Langeweile erfolgt und nicht, weil ich durch Unterernährung oder Unterzuckerung dem Tode nah wäre. Ab und zu stibitze ich mir kurz vor dem Sonntagstatort noch ein Stückchen Geflügel, Fisch oder übrig gebliebenes Fleisch. So quasi ein eingebautes Navi zum Kühlschrank. Natürlich mit schlechtem Gewissen. Das Fasten soll ja schließlich nicht nur den Körper reinigen. Da kann ich auch 16:8 Fasten, Heilfasten, eine Saftkur machen oder was sonst noch so zur „Entgiftung“ angeboten wird. Als ob ich meinen Astralkörper täglich vergiften würde. Vielmehr steckt hinter der Fastenzeit und auch dem Ramadan eine gehörige Portion Spiritualität, Selbsterkenntnis und der Kampf gegen den inneren Schweinehund. Beim ersten bin ich raus. Ich suche nicht nach Sinn, Transzendenz oder religiöser Erleuchtung. Bei der Selbsterkenntnis finde ich mich schon wieder. Ich brauche nicht jeden Tag den Überfluss, den wir uns gönnen. Klar weiß ich das auch ohne 40 Tage Fasten.
Kampf gegen das „kleine Männchen”
Jetzt steht aber ein Zwang dahinter. Und damit komme ich zur inneren Stärke. Dem kleinen Männchen auf der Schulter, welches immer flüstert, ein Riegel Schokolade kann doch nicht sooo schlimm sein, zu widersprechen, dazu gehört schon einiges. Mittlerweile ist es nicht mehr ganz so schlimm mit dem Entzug. Meine Frau erträgt die erste Woche schlechter Laune und akzeptiert die veränderten Koch–und Essenrituale. Ich muss schmunzeln – zeitweise macht sie zwischenzeitlich sogar mit, gibt es aber nicht zu. Ach ja, was ich ganz vergessen habe, ist der Umstand, dass jedes Jahr auch einige Pfunde purzeln – ist ja auch nicht so schlecht. Ich brauche dann immer weniger Blei beim Tauchen im Mai. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. So manches Mal habe ich gedacht, meine Fastenregeln auf das ganze Jahr auszudehnen. Erledigt! Das Eierlikör-Ei, das meine Frau mir traditionell am Ostersonntag kredenzt, wiegt doppelt so schwer. Bei dem einen bleibt es natürlich nicht und so baue ich langsam mein Kampfgewicht wieder auf – tatsächlich jedes Jahr allerdings etwas weniger.
Das Eierlikörei wartet schon
Auch bei allen anderen Dingen, wie Restaurantbesuche nach sieben Uhr abends, Kohlenhydrate in allen Variationen auch nach 18.00 Uhr, All you can eat, All-Inklusive im Urlaub und ein gepflegter Gin-Tonic schaffen es nicht, mir ein schlechtes Gewissen zu verpassen. Die nächste Entgiftung ist ja ab Ostern nur gut 300 Tage entfernt. Nachgedacht habe ich einmal über den Ramadan. Wie gesagt, der dauert nur einen Monat. Beim oberflächlichen Stöbern habe ich die Überlegung gleich wieder ad Acta gelegt. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nix! Gar Nix! Nicht einmal Wasser ist erlaubt. Von allen anderen Sachen einmal abgesehen. Ostereier und Schokohasen liegen seit Wochen in den Märkten, bereit mein Darben zu beenden.
Ein erfolgreiches Fasten und einen besinnlichen Ramadan wünscht
Ihr Axel Bergmann