Wo heute noch Rasen ist, könnte nach den aktuellen Planungen der Bahn künftig eine neue ICE-Trasse verlaufen. Im Garten der Familie Nelz in Suthfeld informierten jüngst Vertreter der Bahn gemeinsam mit Politikern über den Stand des Projekts zur Neubaustrecke zwischen Hannover und Bielefeld. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger nutzten die Gelegenheit für Fragen und machten ihre Sorgen deutlich.
Bereits der Ort der Veranstaltung setzte ein sichtbares Zeichen. Mit Absperrband hatte die Bürgerinitiative „Mit Masse gegen die Trasse“ die geplante Trassenbreite von rund 15 Metern in Nelz´ Garten markiert. „Wir standen vor zehn Jahren genau hier in diesem Garten“, erinnerte Bürgermeisterin Katrin Hösl. Damals habe es geheißen, es handle sich nur um eine Linie auf der Karte. „Zehn Jahre sind vergangen“, so Hösl. Von ursprünglich zwölf geprüften Varianten seien inzwischen zwei übrig und beide führten nun durch diesen Garten.
Der SPD-Landtagsabgeordnete Jan-Philipp Beck würdigte das Engagement vor Ort, „Es ist wirklich beeindruckend zu sehen, wie das Engagement hier vor Ort weiterlebt“ und „welche massiven Auswirkungen der Bahnausbau hier hätte“ Er betonte, dass man sich in der Region nie grundsätzlich gegen den Bahnausbau gestellt habe. „Ja, wir brauchen den Bahnausbau, aber er muss auf die Akzeptanz der Menschen stoßen, die hier leben.“ Entscheidend sei, Belastungen für Mensch und Natur zu minimieren und die Interessen des ländlichen Raums zu wahren.
Auch CDU-Landtagsabgeordnete Colette Thiemann unterstrich die Bedeutung des Ortes, „Wir stehen hier nicht irgendwo, wir stehen hier in einem Garten.“ Es gehe nicht um abstrakte Linien, sondern um Heimat. „Die Frage ist, wie hoch ist der Preis, den wir hier als ländlicher Raum für die 31 Minuten tatsächlich zahlen?“ Demokratie lebe vom Abwägen, Zuhören und das man den Menschen mitnimmt, betonte sie. „Es geht um unsere Natur, es geht um Ruhe und es geht letztendlich hier um unser Zuhause“, so Thiemann. Das Bahnprojekt Hannover–Bielefeld zielt darauf ab, die Fahrzeit zwischen den beiden Städten im Rahmen des Deutschlandtakts von derzeit rund 48 Minuten auf 31 Minuten zu verkürzen.
Landrat Jörg Farr erinnerte an die langjährige Auseinandersetzung mit dem Thema. „Es gibt einen Engpass zwischen Wunstorf und Minden“, sagte er. Dennoch habe der Landkreis stets deutlich gemacht, dass es nicht nur einen festgelegten Deutschlandtakt gebe. Denn auch andere Szenarien sind möglich, „Wir wollen eben hier gemeinsam vorgehen, um die Menschen zu schützen, um den Flächenverbrauch gering zu halten, um die Umwelt zu schützen.“ Im anstehenden Raumordnungsverfahren werde man die regionalen Belange deutlich vertreten, so der Landrat – „finanziell, planerisch und -juristisch, die betroffenen Gemeinden zu unterstützen“.
Für die Bahn sprachen der Technische Projektleiter Marvin Jekel sowie Volker Vorwerk, Leiter Partner-Management für die Öffentlichkeitsbeteiligung. Vorwerk betonte zunächst den gemeinsamen Nenner, „Ich danke zunächst, dass wir uns hier alle einig sind, dass wir zwei zusätzliche Gleise brauchen.“ In den vergangenen Jahren habe man den Raum umfassend untersucht und zwölf Varianten anhand von 196 Kriterien bewertet. Übrig geblieben seien die Varianten 3 und 4.
Jekel erläuterte den Auswahlprozess. Varianten mit deutlich längeren Tunnelanteilen, konkret die Varianten 10 und 11, seien aufgrund höherer Kosten ausgeschieden. Ein Kilometer Tunnel sei in der Regel mehr als doppelt so teuer wie eine oberirdische Strecke. Die aktuelle Planung befinde sich noch in einem frühen Stadium. Ein sogenannter Unsicherheitskorridor, vor und hinter Nelz Garten, liege bei rund 500 Metern. Für den Bereich im Garten der Familie Nelz gehe man derzeit von einer Höhenlage zwischen null und einem Meter aus, eine erste Annahme, wie Jekel betonte.
Vorwerk stellte in seinen Ausführungen außerdem heraus, dass es sich nicht ausschließlich um eine Schnellfahrstrecke handele. Zusätzliche Gleise würden es ermöglichen, Fern-, Güter- und Nahverkehr künftig besser zu trennen. „Ihre Gemeinde profitiert dadurch auch von mehr Nahverkehr, der dann möglich ist, wenn die schnellen Fernverkehrszüge von den bestehenden Gleisen heruntergenommen werden“, sagte er und verwies auf mögliche Verbesserungen auf den Bestandsstrecken.
Diese Aussage kam allerdings nicht bei allen Teilnehmern gut an. Zugleich räumte Vorwerk ein, „Egal ob wir einen Ausbau oder Neubau planen, es wird immer Betroffenheiten geben.“
In der anschließenden Fragerunde wurde der Ton kritischer. Vertreter der BI Kohlenfeld bezweifelten die Gewichtung der Wirtschaftlichkeitskriterien. „Wie viel Millionen oder Milliarden kosten die Varianten 10 und 11 denn mehr? Ist es das nicht wert, dass deutlich mehr Menschen und mehr Raum geschützt werden?“, fragte Peter Krippner.
Auch die notwendige Verlegung der Bundesstraße 442 bei Suthfeld sorgte für Unmut. Ein Bürger sprach von einem „einschneidenden Bauvorhaben“, das den Ort zusätzlich belaste und das berücksichtigt werden muss. Vorwerk stellte klar, dies sei derzeit lediglich ein „Gedanke“ sei. Details würden erst in der Vorplanung erarbeitet und mit Kommunen sowie Bürgerinitiativen diskutiert.
Da die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke in diesem Bereich die bestehende Infrastruktur kreuzt, ist eine Verlegung oder bauliche Anpassung der B442 technisch zwingend, um die nötigen Kreuzungsbauwerke, Brücken oder Unterführungen, für die ICE-Gleise zu schaffen.
Am Ende blieb ein deutliches Bild: Die Planungen sind noch nicht abgeschlossen, doch die Sorge vor massiven Eingriffen wird immer konkreter. Zwischen technischen Kriterien, Wirtschaftlichkeitsberechnungen und politischen Verfahren steht für viele Anwohner vor allem eines im Mittelpunkt - ihr Zuhause, so wie das der Familie Nelz.