Bewegung bei den Grünen prägt derzeit den Blick auf die Kommunalwahl im Herbst. Zwar hat die Partei ihre Kandidaten noch nicht benannt, doch steht inzwischen fest, wer künftig nicht mehr antreten wird. Der Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Marvin Nowak, kündigte bereits an, aus persönlichen Gründen nicht erneut zu kandidieren, erfüllt aber bis zum Ende der Wahlperiode seine Aufgabe. Stellvertreter Dustin Meschenmoser beendet sein Engagement im Stadtrat vorzeitig, aus gesundheitlichen Gründen, wie der dem Stadtanzeiger im Gespräch verriet.
Meschenmoser teilte der Verwaltung Ende April mit, dass er sein Stadtratsmandat niederlegt. Der Mandatsverlust soll im Mai formal festgestellt werden. Der Grund ist ein Burnout, den der 27-Jährige offen anspricht. Erste Anzeichen einer Überlastung hatte es bereits im vergangenen Jahr gegeben: anhaltende Kopf- und Rückenschmerzen, zunehmende Erschöpfung. Warnungen aus dem privaten Umfeld habe er damals nicht ernst genommen, sagt Meschenmoser heute. „Wenn Freunde oder Familie gefragt haben, wie ich das alles schaffe, habe ich das eher als Kompliment verstanden.“
Meschenmoser beschreibt sich selbst als Perfektionisten. Neben seiner Tätigkeit im öffentlichen Dienst als Prozessmanager mit mehr als 40 Stunden pro Woche in der Spitze engagierte er sich in rund zehn ehrenamtlichen Funktionen. Dazu zählten unter anderem sein Mandat im Stadtrat, das Amt des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden, Mitgliedschaften im Wirtschafts- und Finanzausschuss, im Ortsrat Luthe sowie im Aufsichtsrat der Bäderbetriebe. Hinzu kamen Vorstandsarbeit im Förderverein des NaturErlebnisBades Luthe, Engagement im Bündnis für Demokratie und die Betreuung der Social-Media-Kanäle der Grünen sowie des NaturErlebnisBades. Ein deutliches Warnsignal folgte im November: eine Panikattacke, die Meschenmoser zunächst für einen Herzinfarkt hielt und als Nahtoderfahrung empfand. Umfangreiche medizinische Untersuchungen, darunter ein Langzeit-EKG, brachten keine körperlichen Befunde. Schnell rückte der Stress als Ursache in den Fokus. Doch das Reduzieren einzelner Aufgaben reichte nicht aus. Die Panikattacken wiederholten sich. „Ich hatte keine Stressreserven mehr“, sagt Meschenmoser. Autofahren, Einkaufen, selbst alltägliche Dinge seien plötzlich nicht mehr möglich gewesen. Für jemanden, der sich selbst als ausgeglichen und belastbar beschreibt, sei das eine völlig neue Erfahrung gewesen.
Meschenmoser fand nach eigenen Worten relativ schnell psychologische Unterstützung, die ihm sehr geholfen habe. „Wenn man sich die durchschnittlichen Wartezeiten anschaut, hatte ich ziemliches Glück.” Rückblickend sieht er die Ursache weniger in den einzelnen Aufgaben als in den hohen Erwartungen an sich selbst. Gleichzeitig blickt er nachdenklich auf die Rahmenbedingungen der Kommunalpolitik. Sein Mandat habe er anfangs als großes Privileg empfunden. Mit den Jahren sei die ehrenamtliche Arbeit jedoch zu einer zunehmenden Belastung geworden – auch wegen des stetig wachsenden Pensums. Seinen offenen Umgang mit der Erkrankung im persönlichen Umfeld habe er als hilfreich erlebt. Die Reaktionen seien durchweg positiv gewesen. „Darüber bin ich sehr dankbar“, sagt Meschenmoser. Zuspruch habe es sogar aus den Reihen der politischen Konkurrenz gegeben. Aussagen wie „Du wirst gebraucht“ hätten ihn berührt und die Entscheidung nicht leichter gemacht.
Wie Marvin Nowak gehört auch Meschenmoser zu den jüngeren Kommunalpolitikern unter 40 Jahren. Schon zu Beginn der Ratsperiode sei diese Altersgruppe schwach vertreten gewesen, im Laufe der Jahre habe sich das weiter verschärft. Hauptgrund sei die schwierige Vereinbarkeit von Privatleben, Beruf und Kommunalpolitik. „Daraus entsteht ein Repräsentationsproblem“, sagt Meschenmoser. Er befürchtet, dass Anliegen jüngerer Menschen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Als Beispiel nennt er den Beschluss des Jugendparlaments zur Einrichtung eines Calisthenics-Parks. Obwohl man sich inzwischen auf einen Standort am Hanisch-Kreisel verständigt habe, sei man in der Umsetzung bislang nicht weiter vorangekommen, zuletzt auch wegen offener Förderfragen.
Anders als Marvin Nowak will Dustin Meschenmoser bei der Kommunalwahl dennoch kandidieren, allerdings nur noch für den Ortsrat Luthe. Sein Engagement wolle er bewusst reduzieren. Zugleich richtet er einen Appell an die jüngere Generation, sich weiterhin einzubringen. Kommunalpolitik biete die Chance, Zusammenhänge zu verstehen und Verantwortung zu übernehmen. „Ich bin daran gewachsen“, sagt Meschenmoser. Man gebe viel, bekomme aber auch etwas zurück. Aus seiner Sicht gibt es Stellschrauben, um die Kommunalpolitik attraktiver und besser vereinbar zu machen. Dazu zählt er die Möglichkeiten der Digitalisierung. Grüne und CDU fordern aktuell, Gremiensitzungen hybrid abzuhalten, um auch eine digitale Teilnahme zu ermöglichen. Hilfreich sei zudem ein systematisches Beschlusscontrolling, wie es die Grünen bereits vorgeschlagen hatten. Auch gesetzliche Änderungen könnten zu klareren und einfacheren Abläufen beitragen. Kurze Beratungsfristen bei Beschlussvorlagen hingegen erhöhten den Druck und die Belastung.
Das Ratsmandat ist ein Ehrenamt. In der öffentlichen Wahrnehmung werde jedoch oft eine Professionalität erwartet, die mit den bestehenden Rahmenbedingungen schwer zu leisten sei. „Das verkennen viele“, sagt Meschenmoser. Trotz seines Rückzugs bleibt sein Blick nach vorn gerichtet – mit der Hoffnung, dass sich Engagement und Gesundheit künftig besser miteinander vereinbaren lassen.