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Die alte Heimat des Münchhausen-Geschlechts

Bodendenkmalpfleger Ronald Reimann sucht nach neuen Erkenntnissen / Erste Funde sind in Rehburg vorzuweisen

REH­BURG (jan). Ro­nald Rei­mann ist neu in der Riege der eh­ren­amt­li­chen Bo­den­denk­mal­pfle­ger im Land­kreis Ni­en­burg. Nicht neu ist das Me­tier für ihn – im Land­kreis Schaum­burg er­füllt er sol­che Ar­bei­ten seit 2010.

Dort – im Schaum­bur­gi­schen - wird er vor­aus­sicht­lich im kom­men­den Jahr aus­stei­gen und sich statt­des­sen mehr auf den Ni­en­bur­ger Raum kon­zen­trie­ren. Ein ge­wich­ti­ger Grund für die­sen Wech­sel ist der plötz­li­che Tod von Jür­gen Rie­ger im ver­gan­ge­nen Jahr. Was Rei­mann bis­lang für Schaum­burg war, war Rie­ger für Ni­en­burg. Ge­mein­sam mit Rie­ger hatte Rei­mann zu­vor schon et­li­che Pro­jekte in des­sen Be­reich be­ar­bei­tet und hatte auch im Reh­bur­ger Hei­mat­mu­seum die ar­chäo­lo­gi­sche Ab­tei­lung ge­mein­sam mit ihm be­treut. Beide Lü­cken, die Rie­ger hin­ter­lässt, will Rei­mann nun aus­fül­len. So­eben ist er näm­lich nicht nur in die Bo­den­denk­mal­pflege des Ni­en­bur­ger Land­krei­ses auf­ge­nom­men wor­den, son­dern auch in den Vor­stand des Reh­bur­ger Bür­ger- und Hei­mat­ver­eins. Dort wird er nun für die ar­chäo­lo­gi­sche Ab­tei­lung zu­stän­dig sein – und hat schon erste Funde vor­zu­wei­sen. 32 Ki­lo­me­ter, sagt Rei­mann, sei er im ver­gan­ge­nen Jahr auf ei­ni­gen Ä­ckern des Haar­bergs bei Winz­lar ab­ge­gan­gen. Rauf und run­ter, im­mer in drei Me­tern Ab­stand und mit ge­senk­tem Blick – so hat er die­sen lan­gen Spa­zier­gang ab­sol­viert. Was dort auch dazu gehör­te, war das Bü­cken. Sich bü­cken nach win­zi­gen Teil­chen im Bo­den, die ein­fach nur ein Stein sein kön­nen, ge­nauso gut aber auch ein Re­likt aus ver­gan­ge­nen Zei­ten, das Auf­schluss ü­ber frühere Be­sie­de­lun­gen des Haar­bergs gibt. Zehn­mal Teil­chen vom Bo­den auf­he­ben er­gibt einen Fund – das ist die Quo­te, die Rei­mann für sich selbst er­rech­net hat. So scannt er den Bo­den mit sei­nem Blick und gerät ü­ber man­che un­schein­bare Scherbe in Ver­zü­ckung. Rund 600 sol­cher Scher­ben hat er auf den Ä­ckern des Haar­bergs ge­fun­den. Keine da­von ist ein wirk­lich außer­ge­wöhn­li­ches Teil. Was er da­mit al­ler­dings bezweckte war das Er­stel­len ei­ner Karte der Fund­orte. Je­der Punkt auf die­ser Karte steht für eine Scher­be. Und dort, in den Plan­qua­dra­ten 2 und 3, sagt er, sei die Dichte der Scher­ben be­son­ders hoch – wor­aus er fol­gert, dass ge­nau dort einst das Dorf Mu­ni­che­hau­sen stand. An die­ser Stelle ist ein klei­ner Ex­kurs not­wen­dig. Mu­ni­che­hau­sen war näm­lich nicht nur eine von zahl­rei­chen Sied­lun­gen, die es früher ein­mal in der Ge­gend um das Stein­hu­der Meer gab. Dort stand viel­mehr der erste Sitz ei­nes al­ten Adels­ge­schlechts, das ü­ber Jahr­hun­derte großen Ein­fluss hatte und heut­zu­tage vom Na­men noch je­der­mann durch sei­nen berühm­tes­ten Spross geläu­fig ist: Hie­rony­mus Frei­herr von Münch­hau­sen, ge­nannt auch der "Lü­gen­ba­ron". Die äl­teste schrift­li­che Er­wäh­nung des Ge­schlechts ist im Klos­ter Loc­cum hin­ter­legt: die Ur­kunde ü­ber eine Be­sitzü­ber­tra­gung von 1183. Die Kir­che zum Dorf Mu­ni­che­hu­sen ist 1557 ab­ge­bro­chen wor­den. Da­nach zog das Ge­schlecht zunächst nach Bro­keloh und ver­streute sich in den Jahr­hun­der­ten dar­auf weit­läu­fig. Wo das Dorf einst auf dem Haar­berg stand, diese Frage hatte Rei­mann aber keine Ruhe ge­las­sen – wes­we­gen er be­gann, Scherbe um Scherbe zu sam­meln. Das Ge­heim­nis scheint er dem­nach gelüf­tet zu ha­ben. Und für ein wei­te­res Ge­heim­nis hat er eine Bestäti­gung ge­fun­den. Ein win­zi­ges me­tal­le­nes Kreuz aus dem Mit­tel­al­ter ent­deckte er in je­ner Senke am Haar­berg, die die Flur­be­zeich­nung "Alte Kir­che" trägt. Eine In­for­ma­ti­ons­ta­fel und eine Bank, die den Blick auf den frühe­ren Stand­ort der Kir­che eröff­net, sind dort nun seine nächs­ten Zie­le. Einen an­de­ren Nach­fah­ren der Mün­che­hau­sens, der sich der Dicht­kunst ver­schrie­ben hat­te, würde das si­cher­lich freu­en. Bör­ries Frei­herr von Münch­hau­sen, Schrift­stel­ler und Ly­ri­ker, der von 1874 bis 1945 leb­te, hin­ter­ließ der Nach­welt in ei­ner sei­ner Bal­la­den fol­gende Zei­len: Und wo im Grau träumt das Stein­hu­der Meer, in Trüm­mern al­ter Treu und al­ten Rechts, su­chen die Schat­ten kla­gend hin und her, die alte Hei­mat un­se­res Ge­schlechts. Gar so poe­tisch sieht Rei­mann seine Ar­beit zwar nicht. Das Ab­su­chen des Haar­bergs hat er doch aus pro­sa­i­sche­ren Grün­den ge­macht und in zwei­fa­cher Funk­tion – als Bo­den­denk­mal­pfle­ger und als Mit­ar­bei­ten­der im Reh­bur­ger Bür­ger- und Hei­mat­ver­ein. Dort ist das In­ter­esse an den Münch­hau­sens näm­lich auch groß. Nicht zu­letzt des­halb, weil in der dem Hei­mat­mu­seum ge­genü­ber ge­le­ge­nen Kir­che noch heute Kin­der ü­ber das Tauf­be­cken ge­hal­ten wer­den, das einst in der Kir­che auf dem Haar­berg stand. Was Rei­mann an die­ser eh­ren­amt­li­chen Tätig­keit, die bei ihm jede freie Mi­nute aus­füllt, so fas­zi­niert? Das seien die Fund­plät­ze, die in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten seien und die er wie­der ins Be­wusst­sein der Men­schen brin­gen kön­ne. Die Schät­ze, die er finde – wo­bei er als "Schatz" die In­for­ma­tio­nen be­zeich­net, die er aus un­schein­ba­ren Fund­stü­cken zieht. Für ihn, den kauf­män­ni­schen An­ge­stell­ten, sei die Feld­be­ge­hung außer­dem ein Aus­gleich, wenn er den gan­zen Tag im Büro ge­ses­sen ha­be. Ob­wohl die ei­gent­li­che Ar­beit doch erst an­fan­ge, wenn er wie­der zu Hause sei – mit dem Rei­ni­gen der Fun­de, mit den Ver­zeich­nis­sen der Fund­orte, dem Kar­tie­ren und nicht zu­letzt mit der Ü­ber­gabe der Funde an den Kom­mu­nal­ar­chäo­lo­gen Jens Bert­hold, der für ihn - den Eh­ren­amt­li­chen – so et­was wie der Chef bei sei­nem Hobby ist. Manch­mal, sagt Rei­mann, während er von dem schwärmt und erzählt, was er eh­ren­amt­lich macht, er­wi­sche er sich bei dem Ge­dan­ken, dass Ar­chäo­loge ei­gent­lich sein Traum­be­ruf ge­we­sen wäre. Fo­to: jan

vom 18.02.2017 | Ausgabe-Nr. 7B

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